Sunday, December 23, 2018

The editor of the Spiegel Weekly, Stefan Cleos Mann and the deputy editor of Dirk Corbiovyt: Commenting on the rejectionist of the classroom, Claas Relotius




Der Fall Relotius

The editor of the Spiegel Weekly, Stefan Cleos Mann and the deputy editor of Dirk Corbiovyt: Commenting on the rejectionist of the classroom, Claas Relotius


Wir haben sehr viele Fragen an uns selbst
Claas Relotius hat für den SPIEGEL viele große Reportagen geschrieben, aber leider enthalten wohl die meisten erfundene Passagen. Es tut uns leid, was passiert ist - und wir werden den Fall in aller Demut aufarbeiten.
Von Steffen Klusmann und Dirk Kurbjuweit
Donnerstag, 20.12.2018   06:42 Uhr
Für uns ist dies Tag 1, nachdem wir mit dem Fall Relotius an die Öffentlichkeit gegangen sind. Wir hatten eine Menge Krisensitzungen, einige Pressegespräche, wir haben aufmerksam die sozialen Netzwerke verfolgt, über Strategien gesprochen. Der Tag ging spät zu Ende. Heute wird es ähnlich.
Claas Relotius hat sieben Jahre lang für den SPIEGEL gearbeitet, viele große Reportagen geschrieben, aber leider enthalten wohl die meisten erfundene Passagen. Er schrieb über Leute, die er nicht getroffen oder sogar erfunden hatte, er beschrieb Szenen, die es so nie gab.
Wir können die ganze Dimension des Falls noch nicht wirklich abschätzen, haben uns aber trotzdem entschlossen, ihn publik zu machen. Das wollten wir nicht anderen überlassen. Wir haben begonnen, aufzuklären, und wir werden ein Komitee bilden, das jeden Stein umdrehen soll. Denn wir wollen wissen, was genau warum passiert ist, damit es nie wieder passieren kann. Wir haben sehr viele Fragen an uns selbst, und die Antworten werden wahrscheinlich einiges in unserem Haus verändern.
Es tut uns leid, was passiert ist. Wir haben eine große Leserschaft, die sich nun fragen kann, ob dem SPIEGEL noch zu trauen ist. Wir haben viele Mitarbeiter, die sauber und gut arbeiten und die in nächster Zeit damit leben müssen, unter Generalverdacht zu stehen. Wir müssen unter Beweis stellen, dass dieser Verdacht unbegründet ist.
Uns ist bewusst, dass der Fall Relotius den Kampf gegen Fake News noch schwerer macht, für alle: für die anderen Medien, die an unserer Seite stehen, für die Bürger und Politiker, denen an einem wahren Bild von der Realität liegt. Auch bei denen möchten wir uns entschuldigen. Aber wir können ihnen versichern: Wir haben verstanden. Und wir werden alles tun, um aus unseren Fehlern zu lernen.
Claas Relotius hatte offenbar das Gefühl, unseren Erwartungen nicht gerecht werden zu können mit guten und sehr guten Geschichten. Sie mussten exzellent sein. Wir haben ihm diesen Eindruck nie vermittelt, waren aber natürlich stolz über die enorme Resonanz auf seine Geschichten und über die vielen Preise, die er gewonnen hat. Ihm machte das Druck, seine Erfolge zu wiederholen, den nächsten Preis zu gewinnen. Er glaubte offenbar, dies nur über Fälschungen zu schaffen.
Wir kämpfen jetzt um unsere Glaubwürdigkeit, und natürlich sind wir wütend, dass Relotius uns und die Leser so bitter enttäuscht hat. Aber wir sehen in Claas Relotius nicht einen Feind, sondern einen von uns, der mental in Not geraten ist und dann zu den falschen, grundfalschen Mitteln griff. Er hat auch unser Mitgefühl.
Er hat betrogen, wir haben uns betrügen lassen, die Chefredaktion, die zuständige Ressortleitung und Dokumentation. Wir waren immer stolz auf unser System der vielen Absicherungen, dass die Texte von so vielen Augen gelesen werden. Unsere Dokumentare sind die Faktenchecker, die unsere Texte überprüfen und Fehler ausmerzen sollen.
Heute wissen wir, dass dieses System lückenhaft ist. In den nächsten Wochen und Monaten soll das Komitee diese Lücken finden und Vorschläge machen, wie wir sie stopfen können. Ganz verhindern werden sich solche Betrugsfälle aber nicht lassen, denn Verifikation darf nicht in Bespitzelung ausarten.
Relotius ist ein Reporter, er hat vor allem Reportagen geschrieben. Dies ist eine besondere Form des Journalismus, bei der es vor allem um Anschaulichkeit und Lebendigkeit geht. Der Reporter ist dabei, schaut zu, hört zu, und schreibt dann auf, was er gesehen und gehört hat. Er gibt dem Ganzen eine Dramaturgie und gießt es in eine formvollendete Sprache.
So manch einer kann da versucht sein, aus Journalismus Literatur zu machen, die in Fiktion mündet. Reporter sind meistens alleine unterwegs, oft in fernen Ländern. Da ist es für einen Dokumentar in der Zentrale nicht einfach, alle Fakten auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen.
Die meisten Reporter arbeiten absolut sauber, das muss hier noch einmal betont werden. Und dennoch lohnt es sich, über die Form der Reportage und ihre Versuchungen noch einmal nachzudenken. Ebenso wie über die vielen Journalistenpreise, die den Ehrgeiz anstacheln, aber nicht immer in einer gesunden Form.
Wir fanden immer, dass zu exzellentem Journalismus auch ein gewisses Maß an Freiheit gehört. Wir möchten unsere Kollegen nicht auf Schritt und Tritt kontrollieren. Sie sollen sich auch mal treiben lassen können, nur so entsteht Kreativität. Es darf aber auch nicht zu kreativ werden.
Wir werden den Fall Relotius in aller Demut aufarbeiten. Das sind wir Ihnen, unseren Lesern, schuldig. Wir lieben unseren SPIEGEL, und es tut uns leid, dass wir ihm, unserem guten, alten Freund, diese Krise nicht ersparen konnten.
Ihr Steffen Klusmann, künftiger SPIEGEL-Chefredakteur
Ihr Dirk Kurbjuweit, stellvertretender SPIEGEL-Chefredakteur




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